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Er wollte halt mal wieder spielen…

Michael Braunfels (96) über seinen Vater Walter Braunfels und dessen Motivation

„DER TRAUM EIN LEBEN“ zu komponieren: Interview von Jürgen R. Weber & Ben Doum.

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30. 12. 2013 TRAUM I

jügen sylvester

© 2014 Ingo Seefeldt

Braunes Gras. Nass. Dunkelgrün & Braun & vergilbtes Gelb. Ein Zelt. Grau. Klassisches 2 Personen Zelt.

Im Zelt: Eine Frau & ein Mann. Beide schlafen. Bin ich der Mann? Für eine Weile scheint das möglich zu sein. Dann erwachen die beiden. Ich bin nun draußen.  Also nicht der Mann. Oder nicht mehr?

Mann und Frau in heller Kleidung. Leinen? Altertümlich. Ein enges Zelt. Sie öffnen das Zelt. (Die Kleidung konnte ich schon vorher sehen). Sie sehen mich an. Fragend. Ich gebe ihnen ein Drehbuch. Also ist es ein Film den wir drehen. Ein historischer Film. Ich eile weiter. Es ist sehr dunkel. Von einem Berg gleitet ein Pferd hinunter. Oder eine Kuh? Nein ein Pferd. Es fängt an zu schneien und es ist Nacht. Plötzlich ist alles von Schnee bedeckt. Tiefer Neuschnee. Kalt. Knirschend. Ich bin in einem großen Raum. Aber mit den Füßen stehe ich noch im Schnee? Viele Menschen in dem Raum. Jung. Frauen um die 20. Vielleicht ein paar Männer. Sie reden unverständlich durcheinander. Ich verschaffe mir Gehör. Alle sollen sich umziehen. In ihre Jane Austen-Kostüme zwängen. Ich kann keine Gesichter erkennen. Alles ist wie im Gegenlicht. Wo ist mein Assistent? Hermann N.! Er ist mein Assistent aber er ist nicht vor Ort. Wo ist er? Die Techniker sind alle vor Ort. Das Licht und die Kameras sind aufgestellt. Ein Techniker hält einen dampfende Thermobecher in der Hand. Aber wo ist mein Assistent. Wo ist Hermann N.? (Es scheint mich nicht zu irritieren, dass Hermann Neuburg ein Schulkamerad ist, den ich seit 30 Jahren nicht mehr gesehen habe). Ich habe die Szene in der Hand, die heute gedreht werden soll. Vielleicht 10 oder 12 Din A 4 Blätter. Ich kann den Dialog nicht erkennen, aber ich weiß, dass er überarbeitet werden muss. Wo ist mein Assistent?

Ich wache auf. Es hat nicht geschneit. 4 Tage später rufe ich bei Hermann N. an. In der Nacht, in der ich von ihm geträumt hatte, gab es bei ihm eine schwerwiegende Veränderung in seiner Familie.

Logik des Traums

Logik des Traums. — Im Schlafe ist fortwährend unser Nervensystem durch mannichfache innere Anlässe in Erregung, fast alle Organe secerniren und sind in Tätigkeit, das Blut macht seinen ungestümen Kreislauf, die Lage des Schlafenden drückt einzelne Glieder, seine Decken beeinflussen die Empfindung verschiedenartig, der Magen verdaut und beunruhigt mit seinen Bewegungen andere Organe, die Gedärme winden sich, die Stellung des Kopfes bringt ungewöhnliche Muskellagen mit sich, die Füße, unbeschuht, nicht mit den Sohlen den Boden drückend, verursachen das Gefühl des Ungewöhnlichen ebenso wie die andersartige Bekleidung des ganzen Körpers, — alles dies nach seinem täglichen Wechsel und Grade erregt durch seine Außergewöhnlichkeit das gesamte System bis in die Gehirnfunktion hinein: und so gibt es hundert Anlässe für den Geist, um sich zu verwundern und nach Gründen dieser Erregung zu suchen: der Traum aber ist das Suchen und Vorstellen der Ursachen für jene erregten Empfindungen, das heißt der vermeintlichen Ursachen. Wer zum Beispiel seine Füße mit zwei Riemen umgürtet, träumt wohl, dass zwei Schlangen seine Füße umringeln: dies ist zuerst eine Hypothese, sodann ein Glaube, mit einer begleitenden bildlichen Vorstellung und Ausdichtung: „diese Schlangen müssen die causa jener Empfindung sein, welche ich, der Schlafende, habe“, — so urteilt der Geist des Schlafenden. Die so erschlossene nächste Vergangenheit wird durch die erregte Phantasie ihm zur Gegenwart. So weiß Jeder aus Erfahrung, wie schnell der Träumende einen starken an ihn dringenden Ton, zum Beispiel Glockenläuten, Kanonenschüsse in seinen Traum verflicht, das heißt aus ihm hinterdrein erklärt, so dass er zuerst die veranlassenden Umstände, dann jenen Ton zu erleben meint.

Nietzsche1882  — Wie kommt es aber, dass der Geist des Träumenden immer so fehl greift, während der selbe Geist im Wachen so nüchtern, behutsam und in Bezug auf Hypothesen so skeptisch zu sein pflegt? so dass ihm die erste beste Hypothese zur Erklärung eines Gefühls genügt, um sofort an ihre Wahrheit zu glauben? (denn wir glauben im Traume an den Traum, als sei er Realität, das heißt wir halten unsre Hypothese für völlig erwiesen). — Ich meine: wie jetzt noch der Mensch im Traume schließt, so schloss die Menschheit auch im Wachen viele Jahrtausende hindurch: die erste causa, die dem Geiste einfiel, um irgend Etwas, das der Erklärung bedurfte, zu erklären, genügte ihm und galt als Wahrheit. (So verfahren nach den Erzählungen der Reisenden die Wilden heute noch.) Im Traum übt sich dieses uralte Stück Menschentum in uns fort, denn es ist die Grundlage, auf der die höhere Vernunft sich entwickelte und in jedem Menschen sich noch entwickelt: der Traum bringt uns in ferne Zustände der menschlichen Kultur wieder zurück und gibt ein Mittel an die Hand, sie besser zu verstehen. Das Traumdenken wird uns jetzt so leicht, weil wir in ungeheuren Entwicklungsstrecken der Menschheit gerade auf diese Form des phantastischen und wohlfeilen Erklärens aus dem ersten beliebigen Einfalle heraus so gut eingedrillt worden sind. Insofern ist der Traum eine Erholung für das Gehirn, welches am Tage den strengeren Anforderungen an das Denken zu genügen hat, wie sie von der höheren Kultur gestellt werden. — Einen verwandten Vorgang können wir geradezu als Pforte und Vorhalle des Traumes noch bei wachem Verstande in Augenschein nehmen. Schließen wir die Augen, so produziert das Gehirn eine Menge von Lichteindrücken und Farben, wahrscheinlich als eine Art Nachspiel und Echo aller jener Lichtwirkungen, welche am Tage auf dasselbe eindringen. Nun verarbeitet aber der Verstand (mit der Phantasie im Bunde) diese an sich formlosen Farbenspiele sofort zu bestimmten Figuren, Gestalten, Landschaften, belebten Gruppen. Der eigentliche Vorgang dabei ist wiederum eine Art Schluss von der Wirkung auf die Ursache; indem der Geist fragt: woher diese Lichteindrücke und Farben, supponiert er als Ursachen jene Figuren, Gestalten: sie gelten ihm als die Veranlassungen jener Farben und Lichter, weil er, am Tage, bei offenen Augen, gewohnt ist, zu jeder Farbe, jedem Lichteindrucke eine veranlassende Ursache zu finden. Hier also schiebt ihm die Phantasie fortwährend Bilder vor, indem sie an die Gesichtseindrücke des Tages sich in ihrer Produktion anlehnt, und gerade so macht es die Traumphantasie: — das heißt die vermeintliche Ursache wird aus der Wirkung erschlossen und nach der Wirkung vorgestellt: alles dies mit außerordentlicher Schnelligkeit, so dass hier wie beim Taschenspieler eine Verwirrung des Urteils entstehen und ein Nacheinander sich wie etwas Gleichzeitiges, selbst wie ein umgedrehtes Nacheinander ausnehmen kann. — Wir können aus diesen Vorgängen entnehmen, wie spät das schärfere logische Denken, das Strengnehmen von Ursache und Wirkung, entwickelt worden ist, wenn unsere Vernunft- und Verstandesfunktionen jetzt noch unwillkürlich nach jenen primitiven Formen des Schließens zurückgreifen und wir ziemlich die Hälfte unseres Lebens in diesem Zustande leben. — Auch der Dichter, der Künstler schiebt seinen Stimmungen und Zuständen Ursachen unter, welche durchaus nicht die wahren sind; er erinnert insofern an älteres Menschentum und kann uns zum Verständnisse desselben verhelfen

Friedrich Nietzsche Menschliches, Allzumenschliches I I.

Von den ersten und letzten Dingen     13.

Der Traum und die Verantwortlichkeit

Der Traum und die Verantwortlichkeit. — In Allem wollt ihr verantwortlich sein! Nur nicht für eure Träume! Welche elende Schwächlichkeit, welcher Mangel an folgerichtigem Mute! Nichts ist mehr euer Eigen, als eure Träume! Nichts mehr euer Werk! Stoff, Form, Dauer, Schauspieler, Zuschauer, — in diesen Komödien seid ihr Alles ihr selber! Und hier gerade scheut und schämt ihr euch vor euch, und schon Oedipus, der weise Oedipus wusste sich Trost aus dem Gedanken zu schöpfen, dass wir Nichts für Das können, was wir träumen! Ich schließe daraus: dass die große Mehrzahl der Menschen sich abscheulicher Träume bewusst sein muss. Wäre es anders: wie sehr würde man seine nächtliche Dichterei für den Hochmut des Menschen ausgebeutet haben!

Nietzsche_Piano  — Muss ich hinzufügen, dass der weise Oedipus Recht hatte, dass wir wirklich nicht für unsere Träume, — aber ebenso wenig für unser Wachen verantwortlich sind, und dass die Lehre von der Freiheit des Willens im Stolz und Machtgefühl des Menschen ihren Vater und ihre Mutter hat? Ich sage dies vielleicht zu oft: aber wenigstens wird es dadurch noch nicht zum Irrtum.

Friedrich Nietzsche Morgenröte Buch 2 123-148